KICK OFF – Fünf Ladies auf Abwegen

von Jo Berger

ab März 2017

 

Leseprobe

1

Carla Benedikt stand mit dem Rücken zum Salat.
Einmal ist keinmal, dachte sie, griff nach einer in Folie eingeschweißten Mozzarella-Pizza und studierte stirnrunzelnd die Zutaten auf der Rückseite. Dieser verkorkste Tag in der Bank musste irgendwie kompensiert werden. Allerdings hatte sie weder Lust auf Kommunikation – davon hatte sie in der Firma mehr als genug –, noch auf Sport oder Spaziergänge in strömendem Regen. Gut, es war immerhin warmer Regen, der Juni gab alles, leider auch alles, was er aus der dichten Wolkendecke quetschen konnte.
»Tun Sie sich das nicht an, Kindchen«, sagte plötzlich eine vertraute Stimme neben ihr. »Es gibt bessere Optionen, sich zu ernähren.«
»Herr Jörgensen …« Carla zuckte zusammen und legte hastig die Pizza zurück. »Na, das ist ja eine Überraschung. Wie geht es Ihnen?«
Sie hätte ihren ehemaligen Vorgesetzten beinahe nicht wiedererkannt. Er wirkte verwahrlost und ungepflegt und konnte in der Aufmachung bedenkenlos als Bettler durchgehen. Und das bei der gigantischen Abfindungssumme, die er erhalten hatte. Sie runzelte die Stirn. Hätte er mit einem Hut vor seinen Füßen vor dem Supermarkt gesessen, sie hätte ihm ein paar Münzen hineingeworfen.
»Wie soll es einem schon gehen, wenn man wenige Jahre vor der Rente abserviert wird? Mich stellt ja keiner mehr ein.« Er fuhr sich mit der Hand durch das schüttere Haar und seufzte, als ob ihn diese Worte übermenschliche Kraft kosteten.
Im Gegensatz zu früher waren seine Augen ohne jeden Glanz. Statt des gewohnten Designeranzugs trug er eine verschlissene Hose und ein blaues, zerknittertes Hemd mit Schmutzrändern am Kragen. Carla registrierte, wie seine Hand leicht zitterte, und sie hatte das Bedürfnis, ihn zusätzlich abstützen zu müssen. Kein Zweifel, Jörgensen hatte sich aufgegeben. Sie verfluchte dieses Sanister-Syndikat, wie sie die Bande von Unternehmern nannte, die ihm seinen Lebensinhalt genommen hatte.
»Aber Sie haben doch eine nicht unerhebliche Abfindung erhalten, Herr Jörgensen. Warum sehen Sie sich nicht die Welt an? Jetzt haben Sie doch die Möglichkeit, alles das zu tun, was Sie schon immer tun wollten.«
Er lächelte wehmütig. »Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr. Was soll ich in der Welt? Meine Familie war die Bank. Sonst habe ich ja … aber Sie, liebe Carla, Sie sind noch jung.« Er hob den Zeigefinger und blickte sie eindringlich an. »Die werden versuchen, Sie zu formen. Besser, Sie sehen sich nach einem neuen Arbeitgeber um. Gute Kreditfachleute werden immer gesucht, die Zinsen sind niedrig, die Leute wollen Kredite. Ach …«, winkte er resigniert ab und Carla registrierte, wie sich in seine zuvor blasse Gesichtsfarbe jetzt eine ungesunde Röte mischte und er sich am Regal abstützte. »Diesen Schurken gehört … gehört …«
»Ist mit Ihnen alles in Ordnung Herr Jörgensen? Wollen Sie sich setzen?«
»Nein, nein, es geht schon. Ich habe … heute nur noch nichts gegessen.« Er sah sie ernst an und hob den Zeigefinger. »Denen gehört ein für alle Mal das Handwerk gelegt, bevor sie noch mehr Exis… noch mehr Exis…«
Plötzlich fasste er sich an die Brust.
»Herr Jörgensen …« Carla griff erschrocken nach seinem Arm. »Sie sollten sich wirklich einen Moment hinsetzen, Sie …«
Dann ging alles sehr schnell. Jörgensen warf ihr einen langen Blick zu, in dem große Überraschung, aber auch ein Funken Zufriedenheit stand. Noch im Fallen fegte seine Hand einige Packungen Cheeseburger aus dem Regal, bevor er an Carla vorbei mit dem Gesicht nach unten auf den Steinboden klatschte.

Keine fünfzehn Minuten später trafen die Sanitäter ein, konnten jedoch nur noch den Tod des Mannes feststellen. Der lag mittlerweile in der stabilen Seitenlage und mit einem Lächeln im Gesicht zwischen Fast Food und Salatbar, während seine Körpertemperatur sich allmählich der Kühle der Bodenfliesen anpasste. Eilig schaffte man ihn fort.
Die Menge zerstreute sich teils aufgeregt plappernd, teils ergriffen schweigend, und eine Ladenhilfskraft räumte die Cheeseburger ins Regal zurück.