Irish Home: Weil es wahre Liebe gibt

Leseprobe

Dwayne

Ich hätte es nicht tun sollen!
Erst gegen Mittag komme ich dazu, den Zeitungsartikel zu lesen, den mir die Journalistin Deirdre Williams freundlicherweise per Mail und zusätzlich per Post zugesendet hat. Für meinen Geschmack hätte ich getrost auf beide Versionen verzichten können. Verdammt! Ich hätte nicht auf die Gala gehen und mich vor allem nicht auf diese leicht überkandidelte, aber auch attraktive Journalistin einlassen sollen! Weder äußerlich noch von der Wesensart spricht mich diese Kategorie Frau an, die hauptsächlich auf Galas und Promipartys zu finden ist. Doch was tut ein Mann, wenn der Druck zu groß ist und sich eine aufreizende Schwarzhaarige förmlich anbietet? Genau. Er wird schwach.
Mit einer Hand halte ich die Kaffeetasse, mit der anderen reibe ich mir den Nacken – und starre auf den Bericht des Veterinär-Empfangs im exklusiven Limerick Golfclub, an dem ich letzte Woche ausnahmsweise teilgenommen hatte.
Der Text interessiert mich nicht wirklich, ich überfliege ihn lediglich. Er enthält das übliche Blabla über Sponsoren, Rang und Namen der geladenen Gäste und strotzt nur so vor Lobeshymnen auf den großzügigen Golfclubinhaber. Der tritt als mildtätiger Gönner auf und lässt die Spenden der Veranstaltung einer Organisation zur Finanzierung von Basistiergesundheitssystemen in Kenia, Somalia, Äthiopien und im Südsudan zukommen. Mit den Geldern werden Einheimische über ein mehrstufiges Trainingssystem zu Tiergesundheitshelfern ausgebildet. Eine gute Sache, die ich mit einer nicht unerheblichen Summe gern unterstützt habe. Meine Anwesenheit jedoch wäre nicht unbedingt notwendig gewesen. Eigentlich habe ich die Einladung umgehend in den Müll werfen wollen. Solche Empfänge sind nichts für mich. Das ganze Gehabe ist mir zu aufgesetzt. Ein einziges Sehen und Gesehenwerden.
Blöderweise habe ich meinem Freund Ronan davon erzählt. Er wiederum hat es an seine Frau Aeryn weitergegeben, diese ihrer Tante Grace, Besitzerin unseres einzigen B&B. Und die erzählte es an einem feuchtfröhlichen Abend im Pub. Somit war das ganze Dorf informiert.
Der Tenor: Geh hin, Dwayne. Vielleicht ist das die Chance, die Frau fürs Leben kennenzulernen. Wenn du in Derrybridge darauf wartest, dass deine Traumfrau mit einem kranken Kätzchen zufällig bei dir in der Praxis vorbeischneit, gehst du als attraktivster Junggeselle des County Cork in die Geschichte ein.
Da hatten sie nicht unrecht. Derrybridge ist ein kleines, verschlafenes Dorf, nur selten verirren sich Touristen hierher. Und wenn, sind es zumeist Pärchen oder Familien. Trotzdem liebe ich diesen Ort. Sogar so sehr, dass ich meinen Hof, der eine halbe Autostunde entfernt lag, verkauft habe und nach umfangreichen Renovierungsarbeiten mitsamt meiner Tierarztpraxis in das seit zwei Jahren leer stehende McCain-Anwesen am Ortsende gezogen bin. Die Nähe zum Dorf hat Vorteile. Ich muss zum Beispiel nach einem Besuch im Snugs, dem Pub von Derrybridge, nicht mehr fahren und kann künftig zwei oder drei pure Whiskey mehr als nur einen verdünnten trinken.
Klar, ein Umbau frisst jede Menge Geld. Ich bin jedoch der Meinung, in irgendwas Handfestes sollte man investieren. In den letzten Jahren bin ich kaum in Urlaub gefahren und habe ein bisschen was auf die hohe Kante legen können. Unter anderem durch Spekulationen an der Börse.
Ich könnte also wunschlos glücklich sein – und bin es auch. Wenn mir nicht etwas fehlen würde. Und das ist eine Frau an meiner Seite. Schönen Momenten wohnt ein fader Beigeschmack inne, wenn man sie nicht teilen kann. Das Haustier gilt nicht. Also habe ich mich von meinen Freunden überreden lassen, am Empfang in Limerick teilzunehmen und mich dem vorgegebenen Dress-Code zu unterwerfen: Anzug und Krawatte oder Dinnerjacket und Fliege. Beide Varianten nicht mein Fall. Und da meine Locken sowieso einen Schnitt vertragen konnten, hat sich unsere Dorffriseurin Lorna geradezu überschlagen, mich in einen Dandy mit zurückgegelter Matte zu verwandeln.
Der Artikel interessiert mich wie gesagt nicht die Bohne – das Foto jedoch fasst beinahe ein Drittel der Seite und macht mich sprachlos. Es zeigt einen geschniegelten, arroganten Snob mit Pomade im fast schwarzen Haar und mit Champagnerflöte in der Hand. So ein Typ soll die Zunft der Veterinäre Irlands repräsentieren?
Knapp vorbei ist auch daneben, fällt mir dazu nur ein.
Irland ist ein weites Land, die Menschen sind einfach, aber herzlich. Auf vielen Hektar Land grasen bei manchen Bauern über 200 Kühe und Schafe. Mit der Hilfe der Familien halten die Bauern ihre Höfe am Leben. Und doch kommen viele gerade so über die Runden. Manche Jahre sind hart, die Preise für Rindfleisch sind im Keller. Ein Tierarzt, der Reichtum zur Schau trägt, würde zumindest hier in unserer Gegend keinen Fuß auf den Boden kriegen. Und das, obwohl wir Iren für unsere Aufgeschlossenheit gegenüber Fremden, eine ordentliche Portion Unbekümmertheit und vor allem für Toleranz stehen. Wir sind klatsch- und tratschsüchtig, lieben unsere spontanen Sessions in den Pubs und nicht wenige trinken bis zum Umfallen. So ein Gent passt einfach nicht ins ländliche Bild.
Wut kocht in mir hoch und mit einem Schnaufen stelle ich die Kaffeetasse hart ab.
»So früh am Mittag schon genervt?« Glen tritt zu mir. Er ist ein großer und kräftiger Mann im Rentenalter, seine Haut ist vom rauen Wetter gegerbt und sein Atem riecht nach amerikanischen Zigaretten, von denen er stets eine pro Tag raucht. Als er die traditionelle Schirmmütze abnimmt, fallen ihm die graublonden Haare unordentlich über die dichten Brauen. Mit fünf Fingern streicht er sie nach hinten.
Mein väterlicher Freund hilft mir beim Ausbau des Hauses. Seit heute Morgen ist er mit dem Badezimmer der Gästewohnung im Anbau beschäftigt. Im Gegenzug kümmere ich mich gratis um die Gesundheit seiner kleinen Ziegenherde, die er sich aus Liebhaberei hält.
»Genervt ist untertrieben«, brumme ich und schiebe ihm die Zeitung zu. »Ich bin stinksauer!«
Glen runzelt die Stirn, zieht sich einen Stuhl heran, setzt sich und tippt auf das Foto. »Das bist nicht du, oder doch?«
»Leider doch. Ich sehe aus wie ein schmieriger Spekulant.«
»Stimmt. Hätte dich fast nicht erkannt. So glatt rasiert wie ein Schnösel. Seit wann trinkst du Sekt?«
»Trinke ich nicht. Ich habe das Glas für Deirdre festgehalten. Wer hätte ahnen können, dass sie ausgerechnet diesen Schnappschuss für den Artikel nimmt? Die kann sich was anhören, sag ich dir!« Zur Bestätigung meiner Worte schlage ich mit der flachen Hand auf den Tisch und stehe auf.
»Deirdre?«, will Glen wissen. »Ist das diese feine Lady, die neulich morgens hier war und sich darüber aufgeregt hat, dass es nach nassem Hund riecht?«
»Genau die. Willst du auch einen Kaffee?«
»Logisch! Ach übrigens, die Fugen im Bad müssen nur noch trocknen. Morgen reinige ich die Fliesen und deine kleine Ferienbehausung kann vermietet werden. Wird auch Zeit, dass Derrybridge mehr Unterkünfte für Touristen bekommt, wenn du mich fragst.«
»Danke, Glen«, antworte ich nachdenklich. »Wenn ich dich nicht hätte.«
Der Kaffee tröpfelt heiß und schwarz in die Tassen, und ich überlege, wie ich Deirdre möglichst schonend – und ohne ihr den hübschen Kopf abzureißen – beibringe, dass sich zwischen uns keine Beziehung entwickeln wird und wir es bei dem einen Mal belassen sollten. Es ist ein Abenteuer in Galalaune gewesen. Nicht mehr, nicht weniger. Zumindest von meiner Seite. Bei ihr bin ich mir nicht da so sicher. Seit unserer Nacht vergeht kein Tag, an dem sie sich nicht meldet. Und nach diesem Foto in der Zeitung würde ich ihr am liebsten ihren akkurat geschnittenen schwarzen Bob stutzen und ihr jeden einzelnen künstlichen und rot lackierten Fingernagel mit der Kneifzange kürzen. Für Frauen wie Deirdre bedeutet das die Höchststrafe.
Ich beschließe, mich nicht weiter zu ärgern, sie auf den Mond zu schießen, und werfe die Zeitung in den Müll.
»Nimms nicht persönlich.« Glen steht auf, streckt sich und klopft mir auf die Schulter. »Wahrscheinlich ist das nur das verbitterte Ergebnis einer unbefriedigten Dame, die sich genau so einen Typen wie auf dem Foto ins Bett wünscht. Da braucht man nichts drauf geben.« Er nimmt zwei Schlucke vom Kaffee, stellt die Tasse in die Spüle und krempelt die Ärmel des karierten Hemdes bis zu den Ellenbogen hoch. »Ich mach dann drüben klar Schiff und komme morgen früh wieder. Du gehst heute zu deiner Mutter ins Krankenhaus? Wann wird sie denn entlassen?«
»In ein oder zwei Wochen, nehme ich an. Ich fahre nach dem Spaziergang mit Bono rüber, muss für sie jedoch vorher Grünzeug umtopfen und ein Buch einpacken.«
»Du musst was? Seit wann bist du unter die Gärtner gegangen?«
»Nicht für mich. Mom hat mich drum gebeten. Sie hat Angst, ihre Pflanze geht in dem zu kleinen Topf ein, während sie im Krankenhaus liegt.« Ich zucke ergeben mit den Schultern und Glen verzieht gespielt das Gesicht.
»Deine Mom schickt dich ja ganz schön rum. Hast du ihr nicht erst eine bestimmte Bürste holen sollen?«
»Ja.« Ich verdrehe die Augen. »Bürste, ein drittes Nachthemd, einen anderen Morgenmantel, Hausschuhe und Nagellack, weil sie versucht hat, ihre Fußnägel zu lackieren. Am Tag darauf habe ich ihr dann auch den Nagellackentferner gebracht.«
»Sie hat es mit dem Gestell am Bein geschafft, ihre Nägel anzupinseln?« Glen zieht ungläubig die Brauen hoch.
»Natürlich nicht.«
»Frauen …!«
»Da sagst du was.«
In etwa vier Wochen eröffne ich meine Praxisräume in Derrybridge. Meine Mitarbeiter sind in der Zeit bei vollem Lohnausgleich beurlaubt und müssen sich von ihrem Jahresurlaub nur zwei Wochen nehmen. Zeit genug, um mich um Mom zu kümmern, die sich bei einem Autounfall einen Unterschenkelbruch zugezogen hat und ein paar Tage bewusstlos gewesen ist. Irgendein Idiot hat ihr mit Wucht die Vorfahrt genommen. Moms Wagen ist Schrott, aber sie ist schon wieder fast die Alte. Wenn sie Aufträge verteilen kann, muss es ihr gut gehen. So ist Mom eben. Sie ist glücklich, wenn sie alles unter Kontrolle hat. Ich liebe diese eigensinnige Frau wie verrückt und bin heilfroh, dass sie sich schon wieder Gedanken um ihre grünen Lieblinge machen kann.
Bevor ich jedoch rüber nach Cobh fahre, wecke ich Bono, der seit dem Morgenspaziergang in seinem Hundebett schläft. Er ist nicht mehr der Jüngste und schläft die meiste Zeit des Tages. Ein leiser Pfiff von mir lässt ihn jedoch sofort den Kopf heben. Als ich nach der Leine greife, steht der große Kangal neben mir und wedelt freudig. Ich kenne kein freundlicheres Tier und keinen besseren Wachhund als diesen tapsigen Riesenbär. Allein seine Größe und sein dunkles Bellen schreckt viele ab. Sie können nicht wissen, dass Bono sich im Grunde seines Herzens als kleines Schoßhündchen fühlt und keiner Seele etwas zuleide tun könnte.
Eigentlich habe ich keinen Hund halten wollen. Hunde brauchen Auslauf und viel Zuwendung. Man kann nirgendwohin, ohne das Tier mitzunehmen oder es allein lassen zu müssen. Insbesondere der letzte Punkt hat mich immer davon abgehalten. Doch als ich vor ungefähr neun Jahren zu einer schwierigen Geburt in einem Kuhstall gerufen wurde und ich insgesamt fünf süßen Welpen auf die Welt geholfen habe, habe ich einen sofort ins Herz geschlossen. Er ist kleiner als die anderen gewesen, und ich habe bei den nachfolgenden Kontrolluntersuchungen festgestellt, dass er weniger zunahm als die anderen, weil er um die Mutterzitzen kämpfen musste, aber gegen seine größeren Geschwister kaum eine Chance hatte. Die Besitzerin hat jedoch meine Anweisungen befolgt und den kleinen Bono zusätzlich mit der Milchflasche aufgepäppelt. Üblicherweise sind Welpen mit der 8. Woche komplett von der Muttermilch entwöhnt, doch ich habe zwei Wochen länger gewartet, bis Bono ein bisschen aufgeholt hat. Ich hatte diesen niedlichen Knuddelbären mit seinem hellbraunen Fell, den schwarzen Ohren, dem schwarzen Maul und der hübschen schwarzen Zeichnung um die Augen so ins Herz geschlossen, dass ich ihn einfach mitnehmen musste.
Seitdem bin ich Hundebesitzer. Und ich möchte es nicht mehr missen. Bono und ich sind ein Team, eine Familie. Ein Leben ohne ihn könnte ich mir nicht mehr vorstellen. Der große sanfte Riese gehört zu mir wie mein rechter Arm. Dieser Hund ist ein Herz auf vier Pfoten. Außer, ich zücke den Wasserschlauch, dann ist er total von der Rolle, jagt dem Wasserstrahl nach bis zur völligen Erschöpfung und versucht, der wasserspuckenden Schlange den Kopf abzubeißen. Natürlich spielerisch. Wir haben dabei stets jede Menge Spaß.
Zwei Stunden später bin ich auf dem Weg nach Cobh. Mein Elternhaus liegt in einer sehr ruhigen Gegend in der Nähe des Naturhafens, inmitten von dicht an dicht aneinandergebauten Häusern mit spitzen Dächern. Jedes einzelne ist in einer anderen leuchtenden Farbe gehalten und verströmt einen unvergleichlichen Charme. Man nennt Cobh nicht von ungefähr das bunte Tor zum Atlantik. Hier bin ich aufgewachsen, umgeben von wunderschönen Villen und Straßenzügen im georgianischen und viktorianischen Stil, im Schatten der imposanten St. Colemans Cathedral, nah bei den Attraktionen rund um die Titanic, die im Sommer viele Touristen anziehen. Mich hat der Hype um dieses Schiff nie wirklich interessiert. Vielleicht ist das so, wenn man damit aufwächst.
Leider weilt Dad schon ein paar Jahre nicht mehr unter uns, aber Mom kommt gut zurecht. Sie hat einige Freundinnen und liebt ihre Bücher und ihre Gartenarbeit. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich kann mit Tieren gut, dafür fehlt mir der grüne Daumen. Pflanzen haben es bei mir nicht leicht.
Frauen wohl auch nicht.

Eve

Heute ist ein Sommertag, wie er schöner nicht sein könnte. Und ich habe Feierabend.
Entspannt öffne ich das Wohnzimmerfenster meiner winzigen Souterrainwohnung, setze mich auf einen Stuhl und lege die Füße auf das Fensterbrett. Die Sonne wärmt mir die Nasenspitze. Das ist angenehm. Ein Balkon oder ein Garten wäre zwar ideal, aber so geht es auch.
Ich verschränke die Arme hinter dem Kopf, schließe die Augen und lächle. Bald habe ich zwei Wochen Urlaub. Und ich gedenke, jeden Tag einen ausgedehnten Ausflug zu unternehmen, der nicht viel Geld kostet, endlich wieder zu nähen und, vor allen Dingen: zu schlafen, bis ich von allein wach werde. Herrlich!
Und wenn ich könnte, wie ich wollte, würde ich auf der Stelle diesen schnuckeligen kleinen Laden in der zweiten Reihe am Naturhafen kaufen und meinen Traum Wirklichkeit werden lassen. Im Geiste sehe ich schon den Schriftzug über dem Schaufenster des pinkfarbenen Hauses: Schneiderei Eve. Oder doch lieber Finnegans Schneiderstube? Ach nein. Eves Traumstoffschneiderei? O ja, das klingt perfekt. Allein der Gedanke macht mich glücklich.
Ich habe gelesen, dass positiv an eine Sache denken sich auch positiv auf die Entwicklung auswirkt. Im Lesezimmer des Hotels Townhouse, in dem ich als Näherin und Mädchen für alles angestellt bin, gibt es ein Buch über die Macht der Visualisierung an Beispielen der besten Sportler der Welt. Sie stellen sich vor, sie hätten beispielsweise einen Wettlauf schon gewonnen, bevor er stattfindet. Und zwar wiederholt und so intensiv, dass sie Glücksgefühle über ihren Sieg verspüren. Das Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Ich stelle mir vor, also wird es. Oder ich werde. Oder so. Man kann es ja mal probieren, das mit dem Vorstellen, als wäre alles schon geschehen.
Im Geiste richte ich den Laden ein, überlege, wo ich meine Nähmaschinen hinstelle, wie ich das große Schaufenster dekoriere und wie ich die kleine Küche gestalte. Dabei weiß ich nicht mal, ob der Laden eine Küche hat, aber ich gehe einfach davon aus. Zwar dauert es bestimmt drei oder vier Jahre, bis ich mindestens ein Drittel der Kaufsumme zusammenhabe und vielleicht ist der Laden dann bereits verkauft, aber hey, es öffnen sich immer irgendwelche Türen. Meistens dann, wenn man nicht mit ihnen rechnet. Und vielleicht könnte ich den Besitzer fragen, ob er auch verpachtet. Ja, warum nicht? Ich erweitere meine To-do-Liste um diesen Punkt und setze ihn an oberste Stelle. Ich will dieses kleine Lädchen unbedingt.
Vor zwei Jahren hätte ich nicht im Traum daran gedacht, eine bezahlbare Wohnung in Cobh zu finden. Dass ich in diesem Ort leben möchte, ist mir klar geworden, als meine Freundin Kelly nach Cobh gezogen ist und wir bei meinem ersten Besuch bei ihr eine der kleineren Titanic-Touren gebucht haben. Doch hier zu leben, schien nicht so einfach zu sein. Es gab weder einen Job als Schneiderin noch eine Wohnung, die ich mir hätte leisten können. Kelly hat regelmäßig nach Jobs und Wohnungen für mich gesucht. Ohne Erfolg. Und dann lag eines Morgens ein Werbeflyer des Hotels im Briefkasten. Auf der Rückseite stand in kleingedruckten Buchstaben, dass sie eine Näherin suchen. Ich war sofort Feuer und Flamme. Zu dem Zeitpunkt habe ich bei meinen Eltern in Dungarban gewohnt, und mein älterer Bruder Cody hatte sich gerade in der Schreinerwerkstatt versehentlich drei Finger seiner rechten Hand abgesäbelt.
Einen Monat darauf habe ich meine neue Stelle angetreten und eine winzige, aber bezahlbare Souterrainwohnung in einem hübschen, grellgrünen Spitzdachhäuschen gefunden. Nichts Besonderes, sehr klein, gerade mal zwei Zimmer, kein Balkon und ein Bad ohne Badewanne, das mit einer Person eigentlich schon überfüllt ist. Wenn man auf dem Klo sitzt, kann ich den Kopf gegenüber an der Waschmaschine anlehnen. Hat nicht jeder. Ich überlege, an der Stelle einen selbstklebenden Klettverschluss mit einem kleinen Kissen anzubringen. Auf Dauer ist so eine Waschmaschinenkante unbequem und macht komische Abdrücke an der Stirn.
Man muss aus jeder Situation das Beste machen.
Kleines Bad und Wohnung ohne Freisitz ist nicht wirklich prickelnd, doch der Job im Townhouse in meinem Lieblingsort Cobh ist das Beste, was mir die letzten Jahre passiert ist.
Die Bezahlung ist okay. Ich kann keine großen Sprünge machen, aber jeden Monat einen nicht unerheblichen Betrag für meinen Traum zurücklegen. Ich brauche nicht viel. Es reicht sogar, um meinen Bruder Cody ein bisschen zu unterstützen. Und ich darf nähen. Gut, flicken wäre die korrektere Tätigkeitsbeschreibung. Ich bessere Bettwäsche, Bademäntel, Vorhänge und Kissenbezüge aus. Manchmal verschönere ich die Kissenbezüge auch mit Ziernähten oder Spitzenborten. Das alles bringt mich meinem Traum näher. Auch winzige Schritte nach vorn führen zum Ziel.
Alles in allem läuft es richtig gut.
Und ich könnte ewig in dem kleinen Sonnenfleck sitzen bleiben. Wenn ich nicht aufpasse, schlafe ich noch ein. Aber ich bin mit Kelly am Hafen verabredet. Sie hat Freigang. Von ihrer kleinen Familie.
Mit der Leichtigkeit einer vollgefressenen Kegelrobbe stehe ich auf und schleppe mich gähnend in die Pantryküche. Dort stecke ich ein paar Geldscheine in ein Kuvert und schreibe dick »Cody« darauf. Anschließend belege ich mir ein Käsebrot, packe es in eine Tüte und stecke es zusammen mit meinem Handy in eine Umhängetasche. Dann beiße ich in einen Apfel, um den größten Hunger zu stillen. Das Brot werde ich am Hafen essen. Ich freue mich darauf, mit Kelly auf einer der Bänke zu sitzen und auf den gezähmten Atlantik zu sehen, auf die Bucht, in der das Wasser ruhig ist.
Ich schlüpfe in eine leichte Sommerjeans, weiße Sneakers dazu und ein lavendelfarbenes Shirt. Die blonden Haare bürste ich kurz durch und binde sie am Hinterkopf zu einem Zopf zusammen. Fertig.
Oh, Tasche und Umschlag nicht vergessen.
Ich verlasse das Reihenhaus, lege den Umschlag für meinen Bruder ins Handschuhfach und mache mich auf den Weg Richtung Cathedral Terrace. Dort geht es über beschauliche, schmale Gassen und Treppen teilweise steil hinunter an den Hafen mit seiner wunderschönen Promenade, an der im Sommer das Leben nur so sprudelt. Ich liebe den kleinen Ort, gerade wegen seiner bunten Häuser und der malerischen Lage an dem zweitgrößten Naturhafen der Welt. Größer ist nur noch der Sidney Harbour in Australien. Darauf sind die Einheimischen hier verdammt stolz.
Doch jede Sache hat einen Haken. Cobh bietet vom Meer aus einen malerischen Anblick. Nicht zuletzt aufgrund der Handlage und der bunten Häuser. Das heißt jedoch für mich, nachher muss ich die steilen Wege auch wieder rauf.
Als mein Handy klingelt, muss ich lächeln. Wahrscheinlich ist Kelly schon da und will wissen, wo ich bleibe. Die Gute ist manchmal etwas ungeduldig.
»Hi, Kelly«, melde ich mich froh gelaunt. »Bin gleich bei dir. Gib mir fünf Minuten.«
»Hallo, Eve, leider bin ich nicht Kelly. Tut mir leid.«
»Moira?« Unwillkürlich bleibe ich stehen. Mit einem Anruf meiner Chefin Moira Clark habe ich definitiv nicht gerechnet. Sie ruft mich nie nach Feierabend an. Ob etwas passiert ist? Ihre Stimme klingt nicht sonderlich beschwingt.
»Eve, wir haben ein kleines Problem. Unsere Fremdenführerin ist kurzfristig ausgefallen und wir bekommen auf die Schnelle keinen Ersatz. Die Gruppe unserer Hotelgäste besteht zwar nur aus wenigen Personen, aber ich würde die Führung ungern absagen. Ich selbst kann nicht einspringen, mein Mann auch nicht. Also greife ich nach jedem Strohhalm. Kennst du dich mit der Geschichte der Titanic aus?«
»Auskennen ist übertrieben, aber so ein bisschen was weiß ich schon, habe selbst ein paar Führungen mitgemacht. Und ich mag den Film ganz gern. Nur das Ende nicht.«
Seufzen am anderen Ende der Leitung, dann ein entschlossenes: »Das muss genügen. Hast du Zeit? In einer halben Stunde geht es los und dauert etwa anderthalb Stunden.«
»Zeit … Nicht wirklich. Ich …« In meinem Kopf jagen sich die Gedanken gegenseitig. »Ich habe das noch nie gemacht, Moira!«
»Ich weiß, aber ich denke, du schaffst das. Ich bezahle dir die zusätzliche Arbeitszeit natürlich. Achtzig Euro. Mehr ist leider nicht drin.«
So viel Geld? Das kann ich wirklich gut gebrauchen. Aber schaffe ich es, die Hotelgäste in die Titanic-Vergangenheit zu führen, sodass sie zufrieden sind?
»Oje, ich weiß nicht, ob ich … Welche Tour ist es denn?«
»Nur die kleine Titanic-Geschichtstour. Du gehst mit der Gruppe an die ursprünglichen Straßen und Piers, die mit dem Schiff in Verbindung gebracht werden, insbesondere der eigentliche Pier, von dem die letzten Passagiere zugestiegen sind, zur St. Colmans Kathedrale, dem Museum und dem Titanic-Denkmal. Ein bisschen Auswanderergeschichte, fertig.«
»Den letzten Punkt müsste ich schnell nachlesen.« Ich bin mir unsicher, ob ich geeignet bin, die Erwartungen der Gäste zu erfüllen, oder eher dem Hotel schade.
»Ja oder nein, Eve.«
»Ähm, also …« Ich hole tief Luft. »Okay, ich versuche es.«
»Wunderbar! Der Treffpunkt mit der Gruppe ist vor dem Hotel. Unterlagen und Flyer zur Tour gebe ich dir an die Hand. Eve?«
»Hm?« Mein Herz rast. Ich muss diese Auswandererstory nachschlagen, bevor man mich auf die Gruppe loslässt und ich mich um mein Halbwissen herum in Peinlichkeiten stottere!
»Danke!«
Wir beenden das Gespräch. Als Nächstes rufe ich Kelly an. Entgegen meiner Vermutung ist sie nach wie vor zu Hause. Ihre siebenjährige Tochter musste noch mal aufs Klo. Und natürlich musste Mama unbedingt Hilfestellung beim Zuknöpfen der Hose leisten. Nicht Papa. Und ganz nebenbei bemerkt solle ich, Eve, wenn ich mal ein Kind habe, niemals Hosen mit mehr als einem Knopf kaufen. Außer, der Nachwuchs ist bereits zehn oder so. Den Fehler mache sie nie wieder. »Das frisst Zeit, kannst du dir nicht vorstellen.«
In aller Eile informiere ich sie über meinen spontanen Einsatz als Begleiterin einer Gruppe und frage sie, ob wir uns anstatt jetzt in zwei Stunden am Hafen treffen könnten. So ein Sonnenuntergang hätte doch auch was.
Zu meiner Erleichterung sagt sie zu. Es wäre ihr sogar lieber, denn so könne sie Cara ins Bett bringen und hätte dann sogar mehr Freundinnenzeit.
Mein Herz klopft vor Aufregung und ich mache auf dem Absatz kehrt, denn ich muss nicht nur recherchieren, auch unbedingt die Kleidung wechseln. Mit einfachen Jeans und Shirt kann ich nicht bei den Gästen auftauchen. Bluse statt Shirt und eine Handtasche statt Stoffbeutel. Die Schuhe sind in Ordnung. Erst gestern hatte ich sie zusammen mit der Weißwäsche gewaschen.
Wenn ich schon das Handy in der Hand halte, kann ich auch ein wenig recherchieren. Ich schaffe es bis zum W von Auswanderergeschichte Titanic – da werde ich schlagartig abgebremst.
Genauer: Ich renne mit Karacho in einen Mann hinein.
Mein Handy fällt mir aus der Hand, irgendwas Großes kracht auf den Boden, zerbricht und eine schwarzkrümelige Masse ergießt sich über meine weißen Sneakers.
Ich registriere: An mir ist alles heil. Handydisplay heil, der Hülle sei Dank. Die Schuhe sind versaut. Der große Blumentopf hat den Zusammenprall nicht überlebt.
Und der Mann sieht echt süß aus.
Leider auch ziemlich zornig.

Dieser Roman ist auch als Hörbuch erhältlich.

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