Irish Honey – Wenn Liebe neue Wege geht
Leseprobe
Enya
Der trockenste Monat in Irland ist der Juni.
So heißt es zwar, allerdings bezweifle ich, dass das Wetter sich an Vorhersagen hält. Draußen schüttet es seit gestern Abend wie aus Eimern.
Aber so ist das eben, das Leben besteht nicht nur aus Sonnenschein.
Entgegen meiner Angewohnheit, nach dem Aufstehen die Fenster zu öffnen, verzichte ich wegen des starken Regens darauf, sehe hinunter in den wunderschönen Garten und kann es immer noch nicht richtig realisieren, wie wohl ich mich in Derrybridge fühle. Und wie sehr ich dieses große Zimmer unter dem Dach des schnuckeligen B&B liebe. Am liebsten würde ich hier für immer wohnen bleiben. Ich hätte es besser nicht treffen können. Und wer weiß, Grace, die Inhaberin, meinte, ich könne das Zimmer haben, solange ich will.
Und das ist der Punkt. Seit wenigen Wochen bin ich in Derrybridge, habe einen Job in einem kleinen Buchladen und könnte zufrieden sein. Doch das schlechte Gewissen erwischt mich immer wieder. So wie jetzt.
»Mistwetter!«, verfluche ich den Regen, der sich ungewöhnlich lange hält.
Regenjacke oder Schirm?
Ich blicke in den Garten, der eher einem Park ähnelt, und suche mit meinem Blick die Esel. Das hintere Drittel des Gartens schließt an ein Wäldchen an und ist für die Esel reserviert. Sie haben eine Weide, umgeben von einem Holzzaun, und ein Stall, der sich unter dem schützenden Dach von Laubbäumen und Kiefern befindet. Allein dieser Blick entspannt. Trotz Regen. Ich könnte ewig hier stehen und über diesen Traum aus Grüntönen, Rhododendren, Magnolien, Kamelien, einem riesigen Borretsch, Rosen und Apfelbäumen blicken.
Die Esel Butch und Berry haben sich unter das Vordach verzogen und wirken zufrieden, als ob ihnen der Regen nichts ausmachen würde. Es sind schöne, große und puschelige Esel mit riesigen Ohren, weißem Maul und weißer Zeichnung um die Ohren. Direkt beim ersten Kennenlernen habe ich die zwei ins Herz geschlossen.
Nicht nur die Esel, den kompletten Ort. Das kleine, bunte Derrybridge wirkt bei dichter Bewölkung fröhlich. Seit ich hier bin, fühle ich mich, als wäre ich in einer anderen Welt. So schön und romantisch hatte ich mir das alles gar nicht vorgestellt, als ich meiner Heimatstadt Dublin den Rücken gekehrt habe. Sehr zum Entsetzen meiner Eltern, die von mir erwartet haben, dass ich …
Das Klopfen an der Tür reißt mich aus meinen Gedanken.
»Hallo, Liebes, du bist spät dran. Kommst du zum Frühstück? Es gibt Scones und Apfelkuchen, Shortbread-Käsekuchen und jede Menge Irish Fudges.« Grace zupft ihre hellgrüne Schürze zurecht. Darunter trägt sie ein grellorangenes Shirt und Jeans. Ihre Füße stecken in gelben Filzhausschuhen. Grace ist eine kleine, quirlige Person mit unzähligen Lachfalten und schon weit über sechzig. Vermute ich. Und ich mag ihre langen, roten, mit vielen grauen Strähnen durchzogenen und lockigen Haare. Um sie zu bändigen, sind sie mit einem dicken hellgrünen Band am Hinterkopf zu einem Zopf gebunden.
Fast wie meine Haare, nur, dass ich sie kürzer, etwa schulterlang trage.
Grace verkörpert Derrybridge wie niemand sonst. Klein, bunt, fröhlich.
»Ich komme gleich mit runter, habe Hunger wie ein Bär«, antworte ich ehrlich, trete zu ihr in den Flur und schließe die Tür hinter mir. »Morgen stehe ich früher auf und helfe dir beim Backen. Darf ich?«
Für mich steht Grace gefühlt mitten in der Nacht auf und backt Kuchen für ihr Café, das direkt ans Haus grenzt. Grace – Coffee & Cakes. Ein putziges Café mit kleinen Bistrotischen, die im Freien auf Kopfsteinpflaster stehen. In der Mitte schützt ein knallgelber Sonnenschirm auch vor Regen und überall Rosenstöcke, Blumenbeete und mit bunten Blumen bepflanzte Tontöpfe. Bunt und gemütlich – wie alles hier in Derrybridge.
»Natürlich darfst du«, antwortet sie, während sie vor mir die knarzende Treppe hinuntergeht. Ich finde, alte Treppen müssen ganz unbedingt knarzen. Und nach Bohnerwachs riechen. »Aber du musst nicht. Schließlich hast du auch deinen Arbeitstag vor dir.«
Wir betreten die große Wohnküche. Es duftet herrlich nach Kaffee und frischen Scones. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Hier ist es so gemütlich und warm und heimelig, dass selbst das Prasseln des Regens am Fenster zur Stimmung passt.
Ich setze mich an den Tisch, schenke uns Kaffee ein und breche mit dem Messer ein Scone auseinander. Anschließend bestreiche ich die Hälften mit Marmelade und selbst gemachter Glotted Cream. Dann beiße ich genüsslich ein Stückchen ab. Göttlich!
Grace hängt die Schürze an den Haken und setzt sich zu mir.
»Du isst mit Genuss und du duftest nach Honig. Ist das ein Parfüm oder hast du heimlich einen Honigtopf im Zimmer?«
»Wasch?« Ich schlucke runter und muss lachen. »Nein, kein versteckter Honig. Das ist meine Bodylotion und auch das Shampoo. Riecht es so deutlich?« Ich schnuppere an meinem Arm. Ja, ein bisschen Honig ist schon herauszuschnüffeln, aber der Geruch sollte doch eher dezent sein.
»Mach dir keine Sorgen, Liebes. Ich habe eine ungewöhnlich gute Nase. Wenn ich dir einen Kosenamen geben dürfte, würde ich Honey wählen. Darf ich?«
»Hm, weiß nicht, klingt eher so, als würde ein Mann seine Frau so nennen, oder?«
Sie stützt ihr Kinn auf die Faust und sieht mich nachdenklich an. »Stimmt, du hast recht. Das überlasse ich dann einem Mann. Darf ich fragen, ob du …?«
»Nein«, sage ich knapp und schüttele den Kopf. »Ich bin im Moment froh und glücklich, einen Job zu haben, hier bei dir zu wohnen und diese köstlichen Scones zu essen. Meine Mom macht die Glotted Cream leider nicht. Sie nimmt Mascarpone und Sahne.«
Grace zuckt mit Entsetzen in der Mimik zurück. »Das geht ja gar nicht.«
»Schmeckt aber ganz gut.«
»Ganz gut ist weit von köstlich entfernt.« Sie nippt am Kaffee. »Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass draußen im Stall bis vor Kurzem noch drei Esel standen?«
Ihr Gesichtsausdruck bekommt etwas Weiches, vermischt mit einer leichten Traurigkeit.
»O Gott, ist einer gestorben? Grace, das ist ja furchtbar!«
»Gestorben? Nein, nein, ganz und gar nicht.« Sie drückt über den Tisch kurz meine Hand. »Butch und Berry haben ein Fohlen. Es ist letztes Jahr auf die Welt gekommen. Stell dir vor, wir dachten, Butch wäre ein Wallach. Tja, dem war nicht so. Ich dachte, Berry wäre einfach nur übergewichtig. Und dann kam das Eselmädchen Emily auf die Welt. Leider ist der Stall zu klein für drei ausgewachsene Esel, aber …« Sie nimmt einen Schluck vom Kaffee und ein Lächeln umspielt ihre Mundwinkel, bevor sie weiterredet. »Wir haben einen schönen Platz für sie gefunden. Sie ist jetzt auf einem großen Anwesen zusammen mit einer anderen, etwa gleichaltrigen Eselstute. Die beiden haben sich sofort beschnuppert. Sie mögen sich. Glaub mir, ich hätte Emi sofort wieder mitgenommen, wenn dem nicht so gewesen wäre.« Sie atmet einmal kräftig aus und richtet sich gerade. »Und deswegen sind es nur noch zwei.« Grace lächelt, doch eine Träne im Augenwinkel erzählt mir von leiser Traurigkeit. Es muss ihr schwergefallen sein, den jungen Esel wegzugeben.
»Und wenn Berry wieder trächtig wird?«, werfe ich ein, weil mir der Gedanke spontan ins Hirn tropft.
»Ausgeschlossen. Dwayne, unser Dorftierarzt, hat dem einen Riegel vorgeschoben. Aber jetzt zu dir, Honey. Verzeihung, Liebes. Wie gefällt dir deine Arbeit bei Miriam im Buchlädchen?«
»Sehr sogar, Grace. Ich glaube, es macht mich einfach glücklich, von Büchern umgeben zu sein.« Ich beiße in ein Scone und spüre, wie mich das schlechte Gewissen streift.
Grace muss das gespürt haben. Sie legt den Kopf leicht schief und runzelt die Stirn. »Enya, Liebes, kann es sein, dass dich etwas belastet? Du musst es mir nicht sagen, wenn du nicht willst. Es interessiert mich, wie es dir geht, denn … denn in den letzten Wochen bist du mir sehr ans Herz gewachsen. Fast ein bisschen wie eine Tochter, die ich nie hatte. Außerdem sollte alles raus, was keine Miete zahlt. Im übertragenen Sinn. Du verstehst schon.«
Ich schlucke runter und bin total gerührt, wie Grace mich sieht. Zugegeben, auch ich fühle mich mit ihr wohl und habe das Gefühl, dass sie mehr für mich geworden ist als nur meine Vermieterin. Wir frühstücken zusammen, an den Wochenenden helfe ich ihr beim Kochen oder bei den Eseln und ich habe Freude daran, im Garten Unkraut zu zupfen. Ich genieße ihre Gegenwart.
»Danke, Grace, das, was du sagst, bedeutet mir viel.« Ich halte die warme Tasse mit beiden Händen und überlege einen Augenblick, wie ich anfangen soll. Am besten kurz und knapp, oder? »Ich denke, nach Derrybridge zu ziehen, ist die beste Entscheidung meines Lebens gewesen, Grace. Meine Eltern sehen das leider ganz anders. Sie wollen mich im weißen Kittel und als zukünftige Inhaberin der Apotheke sehen. Das ist gerade nicht … nicht so einfach. Ich bin ehrlich gesagt hin- und hergerissen.«
»Ihr habt eine Apotheke?« Interessiert beugt sie sich vor und legt die Unterarme auf dem Tisch ab. Auch sie hält ihre Tasse jetzt mit beiden Händen.
»Ja, in Dublin.« Ich seufze innerlich lange auf. »Ich soll den Lebenstraum meiner Eltern weiterführen. Aber ich kann das nicht. Es ist einfach nicht meine Welt.«
»Und deine Eltern sind enttäuscht, hm?«
»Ja … Mom macht es traurig. Dad ist sauer. Und immer, wenn ich mit Mom telefoniere, versucht sie aufs Neue, mich zu überreden, wieder zurück nach Dublin zu kommen.« Ich seufze lange auf. Es schmerzt mich fast körperlich, meine Eltern zu enttäuschen, und die Entscheidung für Derrybridge ist mir nicht leichtgefallen.
»Das kann ich so gut verstehen. Ich habe vor Jahren meine Nichte Aeryn unter einem Vorwand zu mir gelockt in der Hoffnung, sie würde mein B&B übernehmen, wenn ich mal zu alt bin. Außerdem hatte ich zu dem Zeitpunkt nur meinen Harrison im Kopf …« Sie legt eine kurze Pause ein und für einen Moment erscheint eine kleine, steile Falte zwischen ihren Augenbrauen. Ich vermute, die Erwähnung ihres mittlerweile verstorbenen Partners fällt ihr immer noch schwer. »Was ich damit sagen will: Ich kann deine Eltern verstehen. Aber ich hätte es Aeryn nicht übel genommen, wenn sie nicht gekommen wäre. Traurig wäre ich gewesen, ja, vielleicht ein bisschen enttäuscht, aber wer bin ich, anderen Menschen, auch wenn es Familie ist, einen Weg vorzugeben? Jeder sollte seiner Berufung folgen, wenn er sie spürt. Und deine scheint sehr klar zu sein.«
»Sehr klar«, nuschele ich und denke an Mom.
Seit letzter Woche sind ihre Anrufe weniger geworden. Das beschäftigt mich bis in meine Träume. Ich will sie nicht enttäuschen. Grace nimmt über dem Tisch meine Hand und sieht mich gütig aus ihren hellen Augen an. Sofort fühle ich mich verstanden, das ist ein gutes Gefühl.
»Eltern wollen immer das Beste für ihre Kinder und ich bin mir sicher, dass sie dich verstehen und deinen Weg akzeptieren werden. Du solltest mit den beiden reden«, sagt sie leise.
»Ja, das sollte ich … Vielleicht mal an einem Wochenende.«
Oder dann, wenn ich bereit bin, mich Dads Vorwürfen und den Tränen meiner Mutter zu stellen. Aber dazu brauche ich noch Zeit.
Von draußen ist ein lautes »I-A« zu vernehmen. Die Esel haben Hunger.
Grace lacht und steht auf. »Sie sind nicht zu überhören, wenn der Magen knurrt. Dann werde ich mal die Bestien füttern gehen … Oh, es hat aufgehört zu regnen.«
Ich blicke auf die Uhr und stehe ebenfalls auf. Eigentlich müsste ich mich jetzt auf den Weg machen, wenn ich pünktlich im GreenReads aufschlagen will.
»Ich helfe dir«, sage ich und stelle unsere Kaffeetassen in die Spüle.
»Ach Liebes, danke, das weiß ich sehr zu schätzen, aber das musst du nicht. Am Ende kommst du noch zu spät.«
»Dann beeile ich mich eben. Kein Problem.«
Im Stehen stecke ich mir das letzte Stückchen Scone in den Mund. Gott, ich könnte mich daran kugelrund essen.
Im rosafarben gestrichenen Flur angekommen zerre ich die Gummistiefel aus dem Schuhschrank, während Grace schon in ihre schlüpft.
Plötzlich geht die Tür auf und ein großer, kräftiger Mann mit der typisch irischen Schirmmütze auf dem Kopf kommt herein.
»Dachte, ich fütter die Esel für dich«, spricht er mit dunkler Stimme Grace an. In seinem Gesicht ist keine Regung zu erkennen. Aber so sind viele irische Männer. Ein bisschen grobschlächtig und maulfaul.
Grace strahlt ihn an, mit einem Fuß im Gummistiefel, den anderen hält sie in der Hand.
»Glen! Wie schön, dass du dich kümmern magst. Das ist so lieb von dir. Kommst du danach rein, einen Tee oder Kaffee trinken? Und ein Stück Kuchen?«
»Klar.« Er nickt und tippt sich dabei an die Mütze, dann verschwindet er hinters Haus.
Vor dem Buchladen hat sich eine Pfütze gebildet, die als Kinderplanschbecken durchgehen würde.
Aber das ist eben Sommer in Irland. Ob in zehn Minuten wieder die Sonne scheint, ist genauso wahrscheinlich wie Regen und Wind. Na, vielleicht kommt der Juli noch mal aus den Hufen mit etwas höheren Temperaturen und blauem Himmel. Schön wär’s.
Himmel ist das Buch schwer!
Auf Zehenspitzen stehe ich auf der Trittleiter, strecke mich und schiebe mit den Fingerkuppen einen alten Schmöker ins obere Fach. Anweisung von meiner Chefin Miriam. Heute ist großer Umsortiertag, und ich bin seit Stunden damit beschäftigt, ältere, nicht nachgefragte Bücher in die oberen Regale zu stellen oder nach hinten in den Lagerraum zu bringen. Somit hatte ich heute Morgen schon meine Sporteinheiten. Rauf auf die Leiter, wieder runter, nach hinten ins Lager, wieder auf die Leiter.
»Jetzt geh schon rein, zier dich nicht so!«, presse ich zwischen den Lippen hervor und drücke das Buch mit Gewalt in die Lücke.
Geschafft! Na also, geht doch. Zufrieden springe ich auf den Boden und … Autsch! War das eben meine Pobacke? Zerrung? Bitte nicht. Braucht kein Mensch. Ach was, wahrscheinlich kündigt sich ein kleiner Muskelkater an. Wäre kein Wunder bei dem Sportprogramm heute Vormittag. Runter von der Leiter und wieder rauf. Strecken, bücken, strecken, bücken. Mehrmals stündlich mit wachsender Begeisterung. So lange, bis auch das letzte Buch verstaut ist.
»Enya?«, ruft meine Chefin. »Eben kommt die bestellte Lieferung. Kannst du das Paket entgegennehmen? Du weißt doch, ich bin nicht mehr so gut zu Fuß.«
»Klar, Momentchen, bin gleich da.« Ich klappe die Trittleiter zusammen, stelle sie im Kämmerchen ab und eile nach vorn.
Vor dem Laden steht der Lieferwagen des Paketdienstleisters mitten auf der Straße, direkt vor der Pfütze. Der Fahrer springt aus dem Wagen, holt das Paket aus dem Laderaum und stellt es auf der untersten von den drei Stufen ab, düst ohne ein weiteres Wort zurück zu seinem Wagen, springt hinein und fährt weg.
Na, danke auch.
»Hey, hättest du das Paket vielleicht zwei Stufen höher abstellen können? Da wäre es trocken gewesen«, presse ich leise zwischen den Lippen hervor, ziehe die Schultern hoch, als ob mich das vor dem Regen schützen würde, und schleppe die schwere Kiste ächzend nach hinten zum Tisch hinter dem Raumteiler.
Müssen Bücher so schwer sein? Ja, müssen sie.
Ach, was beschwere ich mich. Ich liebe meinen Job in Miriams Buchhandlung. Pakete und Bücherkisten schleppen gehört dazu. Aber das kommt ja nicht so oft vor und ist immer noch angenehmer, als in der Apotheke meiner Eltern zu arbeiten.
Als ich an meine Mom und meinen Dad denke, beschleicht mich wieder einmal das schlechte Gewissen. Ich erfülle ihre Erwartungen nicht. Das macht mir zu schaffen, denn es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich gegen den Weg entschieden habe, den sie für mich vorgesehen hatten. Und weiß Gott, ich habe es probiert. Vier Jahre lang habe ich an der angesehenen University College Cork Pharmazie studiert und mich richtig reingekniet, um den Abschluss Master of Pharmacy mit Bravour zu schaffen. Im fünften, vorgeschriebenen praktischen Jahr stand ich dann bei meinen Eltern in der Familienapotheke. Das hat sie glücklich gemacht. Mich auch. Irgendwie. Obwohl ich die ganze Zeit über spürte, dass meine wahre Berufung ganz woanders liegt. Die Welt der Pillen, Döschen und Rezepte ist nicht meine. War es nie und wird es nie sein.
Ich seufze auf. Irgendwann wird mir die Apotheke gehören. Würde es mir dann leichter fallen, das Ganze als meine Aufgabe zu sehen?
Ja, vielleicht …
Und dann ist mir die Stellenanzeige von Miriam ins Auge gesprungen.
Spontan hatte ich angerufen und bin ein paar Tage später zum Vorstellungsgespräch nach Derrybridge gefahren. Bereits bei der Ankunft hatte ich mich in dieses putzige, bunte und romantische Dorf verliebt. Und dann ging alles recht schnell. Raus aus dem Elternhaus, raus aus der Apotheke mit dem klinisch reinen Geruch, rein in das ursprüngliche Irland und ins Aroma von Büchern.
Und eines weiß ich jetzt schon sehr klar: Auch wenn mich mein schlechtes Gewissen plagt, mein Glück liegt in Derrybridge.
Und in Miriams urigem Leseparadies mit seinen knarzenden Dielen und deckenhohen Bücherregalen. In diesem Laden steckt Herz, nicht die Sterilität einer Apotheke. Ich verbringe lieber Zeit zwischen Regalen voller Bücher als mit Medikamenten. Zwischen modernen Romanen, alten Geschichten und alten Möbeln fühle ich mich mehr zu Hause als irgendwo sonst auf dieser Welt. GreenReads ist nicht nur ein Bücherladen, er ist jetzt schon mein Zuhause geworden.
Ich seufze zentnerschwer auf, öffne das Bücherpaket mit einem Messer und jage alle Gedanken an Erwartungen meiner Eltern und an das Leben meiner eigenen Träume vorerst zum Teufel.
Fakt ist: Zwei Herzen schlagen in meiner Brust. Ich möchte meine Eltern nicht enttäuschen. Wer will das schon? Aber soll ich den Rest meines Lebens in einem Beruf verbringen, der mir nichts gibt, mich nicht erfüllt? Oder könnte ich mich daran gewöhnen und mein Hobby das sein lassen, was es ist? Nur ein Hobby?
Der Gedanke fühlt sich an, als würde mir jemand etwas wegnehmen, was fest mit mir verwachsen ist.
Vorsichtig stapele ich die spirituellen Ratgeber aufeinander und schmunzle bei Titeln wie »Umarme dein inneres Kind« oder »Atme dich in Gelassenheit«. Nicht mein bevorzugtes Genre, aber diese Ratgeber laufen gut. Meistens als Geschenk.
Neben mir raschelt es und ich nehme das leicht süßliche Parfüm Miriams wahr.
»Enya? Hast du kurz Zeit, mit mir einen Tee zu trinken?«, will sie wissen.
»Total gern. Bin gleich fertig hier.« Ich nicke ihr über die Schulter zu. »Kann das noch so lange warten? Will nur die Bücher auspacken.«
»Natürlich«, antwortet Miriam in ihrer stets ruhigen Art mit einem Lächeln und stellt zwei Tassen frisch gebrühten Tees auf den kleinen, runden Tisch zwischen den beiden ledernen Lesesesseln. Er duftet herrlich.
Hastig nehme ich den ersten Schwung der Ratgeber und sortiere sie ins Regal. Dann den zweiten.
Miriam trägt ihren marineblauen Lieblingsrock aus Leinen, dazu eine cremefarbene Bluse und dunkelblaue Slipper. Auf ihrem Kopf thront eine Lesebrille, eine weitere hängt an einer Kette um ihren Hals. Sie hat mindestens fünf davon, weil sie ständig ihre Brillen verlegt. Ich habe einmal eine auf der Lehne eines Sessels gefunden, eine andere neben der Keksdose im Küchenschrank. Heute ist etwas anders.
Ich sehe genauer hin. Ah, aus dem akkuraten Haarknoten ist eine graue Strähne herausgerutscht. Ungewöhnlich für Miriam, sieht aber total nett und etwas aufgelockert aus, denn normalerweise versprüht sie den eleganten Hauch einer betagten Literaturprofessorin.
»Ist alles trocken geblieben?«, will sie in meine Gedanken hinein wissen.
»Ja, so trocken wie ein seit Wochen im Handschuhfach vergessenes Scone. Im Hochsommer«, erwidere ich, hole den nächsten Stapel und kichere leise über meine Worte. Miriam dagegen verzieht keine Miene, und ich stelle verwundert fest, dass ihr heute das gewohnte Leuchten in ihren blauen Augen und die Zufriedenheit im Blick fehlt.
Habe ich etwas falsch gemacht?
Verunsichert frage ich nach: »Ähm, habe ich etwas vergessen oder …?«
Miriam zieht die Brauen hoch. »Ganz und gar nicht, Enya. Im Gegenteil, ich bin so froh, dass du für mich arbeitest und …« Für einen flüchtigen Moment legt sich ein Schatten über ihr Gesicht. In ihrer Mimik stehen Bedauern und ein Ausdruck, als würde sie mir gleich mitteilen, dass sie eine schlimme Diagnose bekommen hat. Das lässt mich schwer schlucken. »Komm, wir trinken den Tee, bevor er kalt wird.«
Mit einem undefinierbar seltsamen Gefühl im Bauch setze ich mich in den Sessel. Den Tee rühre ich nicht an.
Kyle
In der Luft hängt eine Duftmischung aus Fischsuppe und nassem Hundefell.
Da bin ich also. In Derrybridge bei meinem alten Freund Ronan. Wir haben uns ewig nicht mehr gesehen. Und doch hat er mich sofort eingeladen, als wir telefonierten und ich ihm erzählte, dass ich ein paar Tage Urlaub brauche. Das klingt harmloser als Auszeit wegen Burn-out, wie mein Arzt diagnostiziert hat. Wobei ich ja glaube, dass dieser Begriff nur eine modische Erfindung ist. Ich bin einfach reif für ein bisschen Erholung. Mehr nicht.
»Du hast mir nie erzählt, dass du einen Hund hast.« Ich sitze bei Ronan am Tisch und nehme einen Schluck Guinness.
»Habe ich nicht?« Ronan zuckt mit den Schultern. »Mein Freund Owen hat mir damals einen Welpen als Wächter fürs Haus geschenkt, als meine Familie … also, als ich ne Weile allein gewesen bin.«
»Ah, deswegen der Name Haldir. Passt gut zu einem Wolfshund.« Ich gehe nicht darauf ein, als er seine Familie erwähnt, die vor ein paar Jahren ums Leben gekommen ist. Ich weiß um Ronans harten Verlust in der Vergangenheit. Umso mehr hat es mich gefreut, als er Aeryn kennengelernt hat. Leider bin ich damals beruflich viel zu sehr eingespannt gewesen, um Ronans Einladung zur Hochzeit zu folgen. Das bereue ich jetzt. Und nicht nur das.
»Genau, mein großer Grenzwächter. Sorry, Folk, das muss untergegangen sein. So viel Kontakt hatten wir ja nicht, seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Wie lange ist das jetzt her? Sechzehn Jahre?«
»Wir waren sechzehn. Also ist es achtzehn her. Ganz schön lange. Du hast dich verändert.«
»Du auch.«
Wir lachen und prosten uns zu. Dann wird Ronan ernst.
»Ich kann es immer noch nicht fassen, dass wir uns nach so langer Zeit wiedersehen. Die Umstände sind zwar nicht die besten, aber ich finde es gut, dass du meine Einladung angenommen hast, Kyle. Fühl dich wie zu Hause. Ich hoffe, das Gästezimmer ist okay für dich? Bei Grace im B&B ist leider kein Zimmer frei.«
»Das Zimmer ist perfekt. Es hat sogar ein eigenes Badezimmer. Was will ich mehr?«, erwidere ich und meine es auch so. »Und deine Aeryn kann kochen, will ich meinen. Wenn die Meeresfrüchtesuppe nur halb so gut schmeckt, wie sie duftet, niste ich mich hier dauerhaft ein.«
Ronan grinst, steht auf und klopft mir auf die Schulter. »Und ob sie kochen kann. Ich aber auch. Die Suppe ist auf meinem Mist gewachsen. Aeryn ist heute Morgen mit Brigid unterwegs gewesen. Auch noch ein Bier?«
»Danke nein, vielleicht nach dem Essen. Wie alt ist eure Tochter?«
Ronan geht zum Kühlschrank. So eine in den Wohnraum integrierte Küche hat was. Die Wege sind kurz, man muss keine Türen öffnen und wieder schließen und ganz nebenbei wirkt der Raum größer. Obwohl er wirklich nicht klein ist. Nur bin ich andere Dimensionen gewohnt. Mehr als das hier braucht es eigentlich wirklich nicht. Vielleicht sollte ich anfangen, kleiner zu denken.
»Sie ist gerade zwei Jahre alt geworden.« Er setzt sich wieder an den Tisch. »Du kannst bleiben, solange du willst. Hier kannst du runterkommen.«
Nachdenklich drehe ich die Flasche in der Hand. »Ich weiß schon gar nicht mehr, wie sich Urlaub anfühlt.« Ich blicke auf. »Kennst du diese innere Unruhe, die ständig will, dass du etwas erreichst, das nächste Projekt angehst, die nächste Stufe erklimmst?«
»Nein. Finde ich auch nicht erstrebenswert. Klar, manchmal muss man etwas mehr arbeiten, vielleicht auch an Tagen, an denen man krank ist oder wenig Lust hat. Geht mir nicht anders. Wenn ein Kunde auf sein Kanu wartet, muss ich es bis zum Termin fertigstellen. Aber jeder Mensch braucht seine Ruheinseln zwischendurch. Eine Stunde hier, ein langes Wochenende dort. Wichtig ist nur, dass du mal abschalten kannst. Ernsthaft, Kyle, wann hast du das letzte Mal freigemacht? Mal so richtig, meine ich. Ein paar Wochen, nicht nur ein verlängertes Wochenende.«
»Wochenende? Was ist das?« Ich lache kurz auf. »Aber zu deiner Frage … mein letzter Urlaub war …« Ich überlege, nehme einen Schluck aus der Flasche, überlege erneut und stelle fest: »Wow, ist tatsächlich schon sechs Jahre her. Ich war mit einer Frau eine Woche auf den Malediven.«
»Okay … Gibt es diese Frau noch?«
Ich lache auf. »Nein, das war nur eine flüchtige Bekanntschaft. Ich weiß nicht mal mehr, wie sie heißt. Und falls du fragst, wann ich das letzte Mal krank gewesen bin … War ich noch nicht. Kleine Infekte habe ich immer gut weggesteckt. Mein Immunsystem ist blendend.«
Ronan fährt sich mit den Fingern durch die Haare und bläst die Wangen auf. »Und jetzt steckst du mitten im Burn-out.«
»Das meint der Doc. Ich meine, ich brauch einfach nur etwas Entspannung. Aber da ich ein braver Patient bin, folge ich seiner Empfehlung, ein paar Tage raus aus meinem gewohnten Umfeld zu treten.«
»Vorhin waren es noch mindestens vier Wochen.«
»Oder so.« Darüber wollte ich jetzt nicht reden. Ärzte übertreiben immer maßlos. Ein paar Tage hier und ich bin wieder aufgetankt. Ich wechsele das Thema. »Wir hätten uns schon viel früher treffen sollen, Ronan. Hey, wenn ich mich ans Glencree Youth Camp zurückerinnere, kommt es mir vor, als wäre es erst ein paar Monate her. Wir waren ein echt starkes Team, wir zwei ungleiche Jungs mit zu schweren Rucksäcken und zu großen Träumen.«
»Das waren wir. Und sind es noch. Schon damals hast du dich immer in Bewegung halten müssen, egal ob im Kopf oder mit dem Körper. Machst du immer noch dieses Training? Wie nennt sich das?«
»Funktional-Training. Das beste überhaupt. Dazu braucht es kein Fitnessstudio, du kannst es überall machen. Ist ganzheitliche Stärkung und Optimierung des Bewegungsapparates.«
»Zählt Holz hacken auch dazu?«, will er schmunzelnd wissen.
»Klar. Wenn du willst, kann ich dir so viele Scheite hacken, dass es für den Winter reicht. Sozusagen als Dankeschön für eure Gastfreundschaft.«
»Wenn, dann machen wir das zusammen. Willst du nach dem Regen mit mir und Haldir eine Runde zu den Klippen drehen?«
Plötzlich geht die Tür auf und Aeryn tritt heraus. Auf ihrem Arm ein kleines, rothaariges Mädchen, das mich neugierig ansieht. »Ihr wollt zu den Klippen? Aber erst nach dem Essen.« Sie lächelt, kommt auf mich zu und streicht mir kurz über den Arm. »Fühlst du dich wohl bei uns, Kyle?«
»Superwohl. Danke, Aeryn. Es tut gut, hier zu sein. Ich finde die Allein-Lage des Hofes genial. Und dann auch noch in der Nähe der Klippen.«
»Nicht den Feenhügel vergessen, an dem wir geheiratet haben«, sagt sie augenzwinkernd und hebt den Deckel vom Topf. »Oje …«
Ronan zieht die Brauen hoch. »Hab ich was falsch gemacht, meine Königin?«
»Niemals, mein König«, sagt Aeryn lachend. Die kleine Brigid lacht mit und macht deutlich, dass sie auf Papas Knien sitzen will. Aeryn kommt ihrem Wunsch nach und übergibt Ronan die freudestrahlende Tochter, die sofort die Händchen um den Hals ihres Vaters legt und ihm einen feuchten Kuss auf die Wange drückt.
Ronan sieht glücklich aus. Guckt man so, wenn man Ehemann und Vater ist? Ich habe auf solche Dinge noch nie geachtet.
»Und was war jetzt so oje?«, hakt Ronan nach.
»Wir haben keine Lorbeerblätter mehr. Und in die Suppe muss ein Lorbeerblatt, ganz unbedingt. Kannst du ins Dorf fahren, ein Päckchen holen?«
»Klar, kein Problem, ich …«
»Das erledige ich«, grätsche ich dazwischen. »Ich würde gern mal das Dorf sehen. Nebenbei kann ich mich mit dem Weg vertraut machen, und …« Ich blicke aus dem Fenster. »Eben hat es aufgehört zu regnen. Perfekt!«
Ronan und seine Frau gucken mich verwundert an. Dann nicken beide, als hätten sie sich abgesprochen, und Aeryn beschreibt mir den Weg.
»Der Bäcker ist ganz einfach zu finden. Das Neals liegt direkt am Dorfplatz, kannst du gar nicht verfehlen. Große Schaufenster mit leicht abgeblätterten, grünen Holzrahmen, Schild über der Tür. Du darfst nur nicht direkt davor parken. Du fährst den Weg hoch, wie du gekommen bist, nur andersrum. Und oben biegst du links ab. Nach ein paar Minuten bist du in Derrybridge.«
»Der Bäcker hat Lorbeerblätter?«, frage ich etwas irritiert nach, und Ronan grinst.
»Du bist hier in Derrybridge, da läuft das Leben noch ein bisschen anders. Neal ist Bäckermeister, aber man bekommt bei ihm und Deidre nicht nur Brot und Co, auch Gemüse und mehr. Sag liebe Grüße.«
Ich hoffe, der Anfang des Romans hat dir gefallen, und du bist jetzt neugierig auf die Irish-Dates-Reihe
Deine



